Evolution gewaltausübender Institutionen und ‚stochastic escape‘

Gegenüber radikal-liberalen Vorschlägen werden häufig zwei Argumente vorgetragen. Der erste betrifft die Vorstellung einer Gesellschaft ohne Gewaltmonopol. Es lautet, dass die Tatsache das wir heute überall auf der Welt Staaten haben, zeige, dass Gemeinschaften ohne Gewaltmonopol von jenen die damit ausgestattet sind verdrängt werden oder dieser Zustand nicht stabil sei. Das zweite richtet sich gegen radikale Reformen im Allgemeinen: Da unser Wissen nicht ausreicht um a priori die geeignetsten Institutionen zu finden, müsse man diese durch einen fortgesetzten Prozess von ‚Trial and Error‘ herausfinden. Anstelle großer Veränderung sei es ratsam kleine vorzunehmen, Fehler zu korrigieren und so die Institutionen inkrementell zu verbessern.

Diese Argumente sind sehr ernst zu nehmen, den die hinter ihnen stehenden Konzepte haben, sich an anderer Stelle bewehrt. Zudem kommt die Betrachtungsweise von Institutionen als Produkte eines evolutionären Prozesses meinem Weltbild sehr entgegen. Was lässt sich diesen Argumenten entgegen?

Zunächst muss festgestellt werden, dass die inkrementelle Vorgehensweise, zwar in Situationen, in denen wenig Informationen vorliegen sehr hilfreich ist, aber in bestimmten Situation mit hoher Wahrscheinlichkeit versagen. Das sind die Situationen in der man eine Lösung gefunden hat, die in einem lokalen Extremum liegt. D.h. jede Lösung, die der gefundenen ähnelt, ist weniger zufriedenstellend als diese, was jedoch nicht ausschließt, dass eine sehr Unterschiedliche sehr viel besser wäre. Solche lokalen Extrema sind in komplexen Systemen, wie einer Gesellschaft von Menschen eher die Regel denn die Ausnahme, ein Beispiel wäre die Regulierung im Finanzwesen: etwas Deregulierung führt zu Instabilität des Systems, schafft man dann Zentralbank und beschränkte Haftung ab und führt Währungskonkurrenz ein erhöht sich die Stabilität wieder (siehe etwa Kevin Dowd, ‚laissez-faire banking‘). In solchen Situationen führt der Gradualismus dazu, dass man bei einer schlechten Lösung verharrt und es wäre besser einen großen Wurf zu wagen.

Ähnlich lässt sich gegen die erste Entgegenhaltung argumentieren: Dass sich Staaten bisher durchgesetzt haben, bedeutet noch lange nicht, dass es kein Modell gäbe, das sich gegen diese durchsetzten könnte. In der Evolution verharrt ein System öft sehr lange in einem lokalen Maximum bis eine zufällige Schwankung es aus diesem herauskatapultiert und neue Möglichkeiten eröffnet. Diesen Prozess nennt man ‚stochastic escape‘.

Bei einer solchen Flucht können Eigenschaften aus dem früheren Zustand mitgenommen werden. So sind Atomwaffen, Internet und die hohe Mobilität moderner Gesellschaften Errungenschaften, die die Möglichkeit innerer und äußerer Eroberung stark beeinflussen dürften und die es zu der Zeit nicht gab, als sich die territorial verfassten Staaten gebildet haben.

Ancapistan mag wie eine Gesellschaft aus dem Reisbrett aussehen, so dass erste Versuche es zu errichten wohl scheitern müssen. Wenn jedoch zahlreiche, mutige Versuche unternommen werden und frühere Erfahrungen angemessen berücksichtigt, stehen die Chancen nicht schlecht die Keimzelle für eine Gesellschaft zu legen, die nach und nach Unfreiheit und Elend von der Welt verdrängt.

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